Die Wege der Musik von der Schlachtbank bis zu mir
Es gab wahrlich schwerere Zeiten, sich Musik zu besorgen und einen eigenen individuellen Musikgeschmack zu entwickeln. Am besten sehe ich das an meiner eigenen Vergangenheit. Früher saß ich noch vor dem Radio und schnitt eifrig Sendung aus dem Radio mit. Das ganze wurde dann perfektioniert, indem sich auf dem Tape irgendwann nur noch Songs befanden, ohne Moderationen aus dem Radio oder irgendwelchen Jingles. Diese Tapes waren heilig, dienten sie doch dazu, musikalisch immer auf der Höhe der Zeit zu bleiben. CD’s konnte ich mir zu dieser Zeit nur extrem selten kaufen, was der Tatsache geschuldet war, dass man mit 12 oder 13 Jahren kaum Geld zur Verfügung hatte.
Wenn es allerdings ab und zu mal einen Song oder ein Album gab, welches den Weg zu mir via CD fand, war es in meinen damaligen Augen eine echte Perle, die es auch wirklich Wert war. Heute sehe ich das natürlich ein wenig anders, aber hey, ich war jung und wegschmeißen werde ich diese CD’s auch heute sicher nicht! Verglichen mit heute, sehe ich die Sache dennoch kritisch. Damals gab es vieleicht eine oder zwei Radiosendungen die meinen Musikgeschmack entscheident prägten. Ergo, ein oder zwei Musikredakteure von Radiosendern bestimmten, was ich gefälligst zu hören habe. Andere Quellen wie Bravo lehnte ich damals schon ab, das Internet gab es noch nicht und Musikzeitschriften waren mir noch unbekannt. Zur Erinnerung, ich war 12 oder 13.
Heute gestaltet sich die Suche nach Musik ein wenig anders. Perfektioniert wurde die Musikrecherche weiter, allerdings besitze ich heute nicht mal mehr einen Taperecorder. Der digitalen Revolution sei es an dieser Stelle mal gedankt, dass ich meine grenzenlose Gier nach guter Musik heute relativ schnell und einfach befriedigen kann.
Im Laufe der Zeit gab es immer wieder Künstler, die mir sehr gefallen haben. Vor etwa 10 Jahren gehörte auch noch Westbam dazu. Dieser Künstler als Beispiel soll nun im Folgenden für den kleinen Exkurs meiner musikalischen Entwicklung herhalten:
1997: Im Jahr von Sonic Empire und der Loveparade Hymne Sunshine betrachtete ich Westbam noch als Halbgott. Auch vor diesen Liedern kannte ich ihn schon, mit diesen beiden Produktionen war ich ihm und seinem Label Low Spirit entgültig unterlegen. Ich kaufte mir die Mayday Hymne Sonic Empire und natürlich auch Sunshine. Für die beiden jeweiligen Compilations zu den Events reichte das Geld damals leider nicht. Hätte ich es gehabt, hätte ich mir die beiden CD’s sicher auch noch besorgt. Im gleichen Jahr erschien auch ein Album von Westbam: We’ll never Stop living this Way. Hörig wie ich nun mal war, musste ich dieses Album natürlich besitzen, zumal schon die Vorabauskopplung Hard Times ein echter Ohrenschmaus war. Ein Meilenstein war es! Ein neues Kapitel elektronische Musikgeschichte wurde quasi vor meinen Augen aufgeschlagen. Gefährliches Halbwissen von jemandem, der abseits von Low Spirit nur sehr wenig kannte. Das stellte sich allerdings erst sehr viel später herraus. Ein wenig später startete Westbam dann das Projekt Mr.X & Mr.Y. Irgendwie war das nicht ganz so mein Ding, hörig wie ich aber war… Wenig später war ich allerdings wieder voll auf Linie, denn das neue Projekt von Westbam, Electric Kingdom, zog mich ganz in seinen Bann. Die Compilation, Electric Kindom - TechnoelectroPop Compilation zog mich extrem in ihren Bann. Gebrochene Beats, Wahnsinnssynthies die von ihrem Wesen schon wieder analoger, 80’s like waren, fand ich extrem spannend. Vati Westbam nahm mich wieder an die Hand und führte mich von sich, über sein Label Low Spirit, hin zum hauseigenen Sublabel Electric Kingdom.
Machen wir an dieser Stelle einen kleinen Sprung ins Jahr 2001. Wieder Mayday. Noch immer war Westbam mein Held und die Mayday lief bei VIVA. Wie eigentlich jedes Jahr ein Pflichttermin um die Nacht vor dem Fernseher zu verbringen. Natürlich gab es mittlerweile auch weitere Sachen, die ich musikalisch sehr mochte. Vor allem härterer Techno hatte es mir angetan, später auch irgendwann als “Schranz” bezeichnet. Auch auf der Discohousewelle die von 99 bis 01 andauerte, bin ich voll mitgeschwommen, als Gegengewicht quasi. Mayday, Westbam und die ganze Low Spirit Posse blieben natürlich aber eine Instituition für sich. Bei der Mayday 2001 allerdings war es weniger Westbam, der einen Trend setzte, sondern vielmehr ein Herr, der mindestens schon genauso lange im Geschäft war, wie der Vati selbst. Die Rede ist von DJ Hell.
Was machte er? Inmitten einer vor sich hinvegetierenden, vom Aussterben bedrohten Veranstaltung, die nicht mehr wusste, wie es musikalisch weitergehen sollte, setzte er ein Zeichen. So klar und unverkennbar, das kaum ein Karstadt Raver zu Tanzen wagte. Zwischem stupide gleichklingenden Techno, der ausklingenden Discohousewelle und den ewig gleichen Trancern spielte Hell ein Set, gespickt mit 80er Originalen, oder wie 80er produzierte Stücke. Analoge Synthies, 80er Akkorde spiegelten ein derart abstruses Bild auf den Dancefloor, dass man einfach nur mit offenem Mund dastehen konnte. Anne Clarke und Electro Boogie von ganz viel früher und neue Sachen wie The Hacker’s Fadin Away im Dima Remix, Fisherspooner mit Emerge oder auch Tiga & Zyntherius Sunglasses @ Night, feierten in diesem Set eine mehr als glückliche Zusammenkunft und flashten einfach! Die beiden letzten Tracks kamen übrigens beide von Hells eigenem Label International Deejay Gigolos. Auch dieser Mann wusste also neue Trends auf seinem eigenem Label zu beheimaten. Viel bedeutender als das Set, welches er auf der Mayday spielte, war allerdings die Tatsache, dass seit diesem Moment die 80er Jahre Retro Welle begann. Auf einmal klang alles wieder wie 80er Jahre. Bands wie Mia konnten endlich aus dem Schatten treten und auch modisch waren die 80er wieder schwer im kommen. Jan Delay covert Nena und Nena covert sich selbst. Und was macht Westbam? Er schnappt sich Nena und nimmt Oldschool Baby auf. Ein Track, der 80er jahremäßiger nicht sein konnte. Schön. Aber wegweisend? Nein. Er rannte hinterher. Vom Trendsetzer zum Trittbrettfahrer. Seit dieser Zeit war der Heiligenschein von Westbam entgültig verflogen und ich sah nur noch seine Glatze in vollem Glanze.
Aber auch Hell konnte nicht zur neuen Ikone werden. Zu sehr war das “alte Mann Image” mit ihm verbunden. Acts wie Tiga, die er großzog wurden plötzlich zum Massenphänomen. Die sogenannte Neopop Welle, verbunden mit vielen auf Electro getrimmten 80er Jahre Liedern und Songs von Tiga und Northern Lite gingen mir mehr und mehr auf den Sack. In jeder Dorfdisse lief 2003 der gleiche Rotz. Überall rannten die Arbeitslosen rum wie Tiga und fuhren Autos, die ihnen jemand wie “Manne” besorgt hatte. Alle Frauen sahen aus wie Nena (ein Jahr später dann wie Mieze von Mia). War es die Musik, die mir immer unsympatischer wurde, weil immer unsympatischere Leute die Musik gut fanden oder war ich einfach zu früh dran gewesen im Jahr 2001, so dass ich auf dem Höhepunkt der Bewegung im Jahr 2003 nur noch achselzuckend da stehen konnte? Eine Mischung aus beidem wird es wohl gewesen sein, die mich in dieser Zeit in die Fänge eines neuen Trends trieb.
2003 war das Jahr von Minimal und den Wighnomy Brothers. Weder Westbam noch DJ Hell habens kommen sehen. Es war eine von mir selbst entdeckte und eigenständig für gut befundene Musik. Gut, nicht ganz. Das Internet hatte daran natürlich mehr und mehr Einfluss, mit aufkommenden Streams und Downloadportalen. Meiner Zeit in Leipzig ist es aber auch geschuldet, dass ich die Wighnomys relativ zeitig kennenlernen durfte. Ein Freund aus Leipzig schleppte mich in die Distillery zu einer angeblichen Deephouse Party. Deephouse war zu diesem Zeitpunkt das absolut Letzte was ich hören wollte. Dennoch trieb er mich mit den Worten hin, “Dort spielen die Wighnomys, die sind gar nicht so Deephouse”. Dort angekommen erlebte ich wieder einer dieser Flashs, die einem beim blosen Zuhören pures Gänsehautfeeling bereiten. Weg vom überladenen und extrem kitschig gewordenen Neopopstil, hin zum Minimalismus. Viel mehr als ein blanker Beat war nicht vorhanden. Die Platten waren überzogen von Klicks und Zischen, als ob diese Vinlys schmutzig geworden waren und an der Nadel ratterten. Schmutzig waren diese Platten aber bei weitem nicht. Bei diesem später auch “Gefrickel” genannten Elementen, handelte es sich um absichtlich eingearbeitete Produktionselemente. Außerdem verstanden es die Wighnomys wie kaum jemand Anderes, die Effektmixer einfach perfekt einzusetzen und den recht leeren Songs so eine gewisse Spannung zu verleihen.

Weniger ist mehr, war das Motto der Stunde. Natürlich war die Musik nicht alles. Auch die Erscheinung der Beiden und ihre Gebärden vor und hinter den Turntables trugen dazu bei, dass man sich in ihrer Gegenwart einfach wohlfühlen musste. Sie tranken mehr Wodka als jeder andere Gast und feierten deshalb umso ausgelassener mit dem Publikum. Außerdem hatten sie immer kurze Filmzitate oder Fernsehausschnitte zwischen oder über ihren Songs, so dass neben der Musik, der feine Wortwitz nie zu kurz kam. Erinnert sei nur an “Zu viel Zeit“.
Wann immer sie in den kommenden zwei Jahren irgendwo in der Nähe waren, war ich auch da. Natürlich auch bei ihrer ganzen “Freude am Tanzen” Posse wie Mathias Kaden oder dem Krause Duo. Was war aber in der Zwischenzeit mit Neopop und Westbam passiert? Westbam bewegte sich mittlerweile auf einem schmalen Grad zwischen Lächerlichkeit und Bedeutungslosigkeit. Spätestens seit seiner Teilnahme am Grand Prix war er sowieso die weltgrößte Lachnummer. Dem Neopop gings ähnlich. Bis auf ein paar ewig gestrige Northern Lite Anhänger krähte eigentlich kein Hahn mehr nach dieser Musik. Der neue Trend war leider schnell gefunden. Minimalmusik. Meine Musik, schon wieder bevölkert von diversen Subjekten, die nicht mehr aussahen wie Tiga, obwohl, eigentlich doch. Proll bleibt halt Proll. In dieser Zeit wurde aber auch die Musik schlechter, oder lag es erneut daran dass ich meine Musik nicht mit dem gemeinen Fußvolk teilen wollte? Nunja, heute würde ich sagen, ich war halt schon immer Musikfaschist.
2005/2006 war ich also sehr angepisst von sämtlicher Musik. Ich zog umher, saugte einen Musikstil aus und spuckte ihn anschließend aus, wie einen Kaugummi, der nicht mehr schmeckt. Allen Unkenrufen zum Trotz blieb ich der Minimalmusik trotzdem treu. Allerdings kam mir und meiner Situation zu Gute, dass es auch innerhalb vom Minimaltechno verschiedene Unterschubladen gab. Der Frickeltopf war nun besetzt vom Pöbel. Egal, gibt ja noch mehr Töpfe auf diesem Herd. Im Jahr 2004 erschien eine Platte, die mich ebenfalls stark prägte. The MFA - The Difference it makes. Sehr minimalistisch gehalten, allerdings mit dem Vorteil einer ausgewiesen schönen Melodie, die schon leicht ins trancig verträumte ging. Ich war verfallen. Ich war dem Label “Border Community” verfallen.

Künstler wie Nathan Fake oder James Holden hoben die Minimalschiene auf eine neue Ebene, eine anspruchsvolle melodiöse. Geprägt von tollen Harmonieen und durchdachten Songsstrukturen. Das gefiel und, aufgepasst, gefällt immer noch! Auch weil sich dieses Label immer weiterentwickelt hat. Wo Anfangs nur schöne Melodieen im Vordergrund standen, sind heute komplexe Soundmonster gewachsen. Lieder, die ein derartig verflochtenes Soundkonstrukt bilden, wie es nur selten zu hören ist und auch garantiert auf kaum einen Discofloor passt. Zu anspruchsvoll sind die Arangements, zu bizarr wirken die Beats. Immer Fame sein, ohne die falschen Leute anzuziehen. Border Community hat es geschafft!
Abschließend noch ein kleiner Blick ins Hier und Jetzt. Minimal, Techno, House, Pop, Rock, Indie, Drum & Bass, Goa, Trance, HipHop oder experimentelle Klänge. Solange es mir gefällt, find ich es gut. Gern auch mal alles auf einmal, wie hier zu belauschen. Seit einiger Zeit mag ich Sachen von Ed Banger und Kitsune sehr. Das ich damit keinen Preis im Finden von neuen Trends gewinnen werde, ist mir dabei eigentlich völlig Wurst. Privat hört Stefan jetzt nämlich fetzigen Rock ^^
Und Westbam? Sein Label steht kurz vor der Pleite. Schade, aber so ist es, wenn man sich nicht weiterentwickelt. Wie lautete doch einst einer der Mayday Leitsprüche? Forward Ever - Backward Never. Schade Westbam. Ick werd dir vermissen.
Kommentare
5 haben ne Meinung zu “Die Wege der Musik von der Schlachtbank bis zu mir”
Schreib doch was













Interessante Chronik :)
Gut, dass du das Problem am Schopfe packst: “Ich zog umher, saugte einen Musikstil aus und spuckte ihn anschließend aus, wie einen Kaugummi, der nicht mehr schmeckt.” That’s it. Ich glaub, man sollte’s einfach nich übertreiben - relaxxt den Blick auf alles haben und daraus das Beste für sich herauspicken. Eben so wie du jetzt. Und noch besser (sagt der Musikantenheini): Musik nicht ausschließlich seinem aktuellen Livestyle unterordnen.
Und jetzt prost! Noch sind’wor keene 40…
Kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. ;) Aber zu “Forward Ever - Backward Never” kann man nur sagen: Auch da rannte Westbam schon hinterher. Honeckers Sprüche ins Englische übersetzen war dann wohl doch etwas sozialistisch. Und selbiger war zu jener Zeit auch schon sehr deutlich auf dem Rückzug.
Und was verbinde ich heute noch mit Westbam? Uff-Tschakk-Uff-Uff-Tschakk. So isses - Stillstand ist der Tod.
schön diese chronik zu lesen. schön auch, von dir diese einflüsse mitbekommen zu haben. schön auch, dass auch andere dich inspirieren, denn der hang zum rock kommt bestimmt nicht von ungefähr. schade nur, dass ich zu wenig zeit habe mich, wie du, so intensiv darüber zu informieren. aber dafür hab ich ja dich. :)
kurz, danke für alles.
[…] Mayday steht mal wieder an… Das Thema gestriffen hab ich im Mai schon […]
Also, du hast ja mal einen grandiosen Schreistil.
Bin zufällig auf deiner Seite gelandet, weil ich mich mit einer Freundin grade auch über das Thema Westbam unterhalten habe und wir 2 verschiedene Meinungen diesbezüglich hatten.
Ich bin seid Jahren absoluter Musikfreak. Komme eigentlich aus dem harten elektronischen Bereich , interessiere mich aber für viel mehr… eigentlich für Highlights aus allen Genres.
Westbam hatte ich eigentlich nie so verfolgt, weil mir seine Sets beim Rausgehen nicht wirklich tanzbar erschienen…..
Aber dann! Als ich mit einem Freund über Musik fachsimpelte , erwähnte er ganz nebenbei, wie super Westbam sei . Worauf hin ich erstmal die Nase kräuselig zog, um dann (mit gefährlichem Halbwissen ) Westbam verbal zu degradieren.
Meiner Meinung nach (wie gesagt, ohne mich groß mit ihm auseinander gesetzt zu haben)befand er sich auf dem absteigenden Ast und hatte seine beste Zeit hinter sich!
(…hörte ich mich das doch auch über Lindenberg sagen, bevor ich seine °Stark wie zwei° Konzert DVD in die Finger bekommen habe)
Naja um richtig urteilen zu können, hab ich mir dann jede Menge von Westbam besorgt ,durch- gehört & gearbeitet ….
Nun möchte ich sagen, ich nehme alles zurück!
Westbam steigt vielleicht nicht weiter auf, weil er als Urgestein schon ziemlich weit oben angesiedelt ist, doch steigt er stets weiter durch seine Erfahrung, sein Können & seine Ideen!
Wenn ich mir sein Set von der Mayday 2008 anhöre, ist er einfach ein großartiger Künstler, der zu Hundert Prozent sein Handwerk versteht und aus dessen Werken man förmlich die Liebe zur Musik spüren kann!
Für mich ist er zuhause einfach der Allergrößte!
Man muss sich die Ruhe nehmen, ein Set von ihm durchzuhören. Sich auf den
Verlauf & Aufbau konzentrieren …, dann merkt man, welch Talent in ihm steckt!