Ich bin groß und wollte schon immer Spießer werden

ein offener Brief

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Damm, sehr geehrter Herr Fischer, sehr geehrte Damen und Herren von Regiobus!

Ich bin Anwohner des Marktes und über die Entwicklungen derzeit mehr als nur verärgert.

Zunächst: Natürlich ist es am Markt nicht immer völlig ruhig, dafür ist es der Markt. Aber dass, sobald es dunkel ist, das Gegröle von Betrunkenen losgeht, und das beinah jede Nacht, ist nicht tragbar. Klirrende Flaschen, Geschreie ­– alles unmittelbar neben meinem Ohr, so wenigstens hört es sich an, wenn ich schlafen will.

Derzeit gibt es ein weiteres Ärgernis: Die Ersatzhaltestelle direkt unter meinem Fenster (Markt, Richtung Freiberger Straße). Sicher, irgendwo müssen Busse ja halten, wenn die eigentliche Haltestelle nicht anzusteuern ist. Aber die Haltestelle sollte bis Ende Mai wieder weg sein, ich brauche wohl nicht auf das aktuelle Datum zu verweisen. Heute habe ich bei Regiobus angerufen, irgendwas davon, dass jetzt auf der Straße, die eigentlich schon fertig sein sollte und für die Ersatzhaltestelle verantwortlich ist, noch Gasleitungen ausgetauscht werden sollen. Wie lange soll das bitte dauern? Und wo bleibt die offizielle Information dazu? Außerdem: Mit der Ersatzhaltestelle soll die Marktnähe erhalten bleiben – verständlich, aber direkt neben meinem Ohr, wenn 20 Meter weiter ein Parkplatz ist, an dem problemlos und ohne große Störung gehalten werden kann? Wie lange also bitte soll ich das Geschnaufe des Busses und das Geschnatter der wartenden Fahrgäste noch ertragen? Ab morgens um sechs, den ganzen Tag über, bis abends das Gegröle von den Besoffenen wieder los geht?

Und: Der Shoppingtag ist mit Sicherheit ein nettes Event für Mittweida. Auch dass es dabei ein bisschen lauter ist, ist verständlich. Aber Samstag Morgen um acht, oder war es halb neun, jedenfalls in aller Herrgottsfrühe, von einem Soundcheck – und natürlich geht es da nicht sanft mit Gitarre oder Bass, sondern mit Schlagzeug los – geweckt zu werden, ist wirklich das Letzte. Dann den ganzen Tag Bedröhnung, mit Musik, die meine Großmuter verscheuchen würde, aber das nur als subjektiver Einwurf. Hofft man, um den Nachtschlaf gebracht, auf eine Mittagsruhe, sieht man sich getäuscht. Eine halbe Stunde war es still, wow! Am Sonntag (!!!) das selbe Spiel von vorn. Und das Ganze, ohne das es irgendeine Information von Stadt oder Veranstalter gegeben hätte: „Leute, es wird ein bisschen lauter.“ Grummelig um den Wochenendschlaf gebracht, wird man Montag Morgen wieder unsanft um sechs vom Schnattern und Schnaufen (siehe oben) geweckt.

Ich erwarte folgendes:

- Klärung, wann die Ersatzhaltestelle endlich verschwindet (ist ja nicht das erste Mal, dass sie hier monatelang vor meinem Fenster wütet)

- Prüfung, ob sie vielleicht nicht einfach anwohnerfreundlich verlegt werden kann (bei einer Woche muss man sicher nicht so einen Aufriss machen, aber bei dem langen Zeitraum sehr wohl)

- irgendeine Lösung für die nächtlich Grölenden finden (es sind inzwischen vielleicht weniger Nazis, um die Bemühungen mal nicht gänzlich unter den Scheffel zu stellen, betrunken grölen aber alle gleich laut)

- Erklärung dafür, warum ein angeblich schöner Tag für alle Einwohner Mittweidas, selbige Samstag und Sonntag aus dem Bett wirft

- bessere Kommunikation mit den Einwohnern über derart Störendes, wie oben angesprochen

Ich hoffe auf eine Antwort jenseits von Allgemeinplätzen und verbleibe

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Dietze

Update: hier noch mal ein Link vom letzten Jahr

Kommentare

10 haben ne Meinung zu “Ich bin groß und wollte schon immer Spießer werden”

  1. Kaiserle on Juni 7th, 2007 2:01 am

    Lieber Stefan Dietze,

    ich kann den Einwurf gegen das nächtliche Geschrei verstehen, bei der Bushaltestelle gehe ich ja auch noch mit, aber beim Shoppingtag finde ich es echt unangebracht. Wenn jedes Wochenende eine solche Veranstaltung stattfinden würde, könnte ich es nachvollziehen, aber die vielleicht zehn Veranstaltungen muss Du ertragen. Du wohnst am Markt und damit im Zentrum und da ist es klar das dort Veranstaltungen sind. Außerdem finde ich früh um acht auch noch OK. Die Wirkung nach Außen ist für die Stadt auch wichtig. Beim Altstadtfest im August wird es ja wieder laut, das heißt nach dem Geschrei am Abend - schönstes Ausschlafen am Wochenende.

    Also angenehme Ruhe.

    Kaiserle

  2. lantzschi on Juni 7th, 2007 9:33 am

    zieh doch aufs land, dietze! ^^

    also echt. die sache mit der ersatzhaltestelle - ok. aber sowas muss man nun mal ertragen wenn gebaut wird. genauso die sache mit dem fest auf dem markt. ich meine, du wohnst da nun mal. mittweidas schönste ecke (prust). klar dass da auch mal feierlichkeiten. und früh um 8 oder um 9 ist nun wirklich keine unchristliche zeit.
    immerhin ist das keine studenten-, sondern eine rentnerstadt und die brühen sich um 5 schon den ersten kaffee, um um 10 schon die kartoffeln fürs mittag anzusetzen.

    ohne jetzt übertreiben zu wollen. aber das ist wirklich spießer. was sollen wir denn nur mit dir in einer stadt machen? bist du überhaupt urban-fähig? :)

    außerdem kann es deinem lebensstil sicher nicht schaden, wenn du mal zu vernünftigen zeiten aus dem bett krabbelst, um dann mit schaffenskraft die wirklich wichtigen dinge anzugehen.

  3. lantzschi on Juni 7th, 2007 9:34 am

    ach ja zu den grölenden besoffkis:

    a) zieh doch aufs land, dietze! ^^
    b) es ist sommer.
    c) vielleicht hilft auch eine sachgemäße konversation mit denen? :)

  4. Falk on Juni 7th, 2007 10:43 am

    lantzschi: ich stimme dir zu, dass um 8 oder um 9 uhr keinesfalls unchristliche zeiten sind. doch am wochenende möchte man dann doch mal länger schlafen, dass ist nicht zu viel verlangt.

    allerdings denke ich dass es nicht verkehrt ist, dass ein veranstalter sein event anmeldet und einen soundcheck durchaus nicht in den frühen tagesstunden abhalten muss.

    das argument von rentnerstadt ist mehr als dünn und schwammig, die bevölkerung einer stadt setzt sich immer aus unterschiedlichsten alterstufen zusammen. außerdem gibt es auch gesetzliche vorschriften, wie, wo und wie laut veranstaltungen a la open ait sein dürfen.

    dennoch muss ich zugeben, dass auch in diversen stadtteilen leipzigs bis abends und in die morgenstunden radau ist. da wohnen dann aber auch vorwiegend studenten.

    sachgemäße konversationen hilft bei den betrunkenen grölenden mitbürgern sicherlich nichts. wenn die nachtruhe dadurch gestört wird, sollte man von seinem recht gebrauch machen.

    und außerdem, was hat das denn mit urban oder spießer zu tun. wie stefan das schon richtig gesagt hat, wir sind erwachsen und keine 18-20 jährigen mehr, man wird älter, konservativer. ich will nicht von mir sagen wollen, dass ich mit 30 urban bin und in einer “uhrsten buze” wohne, nur weil es urban ist… nein danke. muss denn immer alles urban sein? das jugendalter ist vorbei, vorbei die zeit von sturm und des drang. mein leben ist es längst nicht mehr urban, deswegen bin ich aber noch lange kein spießer oder konservativ, gesetzt wäre vielleicht das richtige wort… das leben ist halt keine party mehr.

  5. lantzschi on Juni 7th, 2007 11:16 am

    @falk: dass du den sinn hinter meinen beiden posts überhaupt nicht verstanden hast (ironie, sarkamus, zynismus) und darauf auch noch ERNSTGEMEINT antwortest und hier was von zeiten des sturm und drang sind vorbei und wir werden konservativ erzählst….GRÖL!!!!

    “das leben ist halt keine party mehr.”
    für dich vielleicht nicht ;)

    ich genieße meins. konservativer urbanismus mit sturm-drängerischer gesetztheit in einem haus auf dem land. und spießer-stylo-stiefmütterchen im wintergarten.
    cheers.

  6. denise on Juni 7th, 2007 11:20 am

    :D zum brüllen das. laut ist es aber wirklich.

  7. Stefan on Juni 7th, 2007 11:51 am

    @ André: aber ne kleine Info der Stadt für die Anwohner könnte doch drin sein.
    @ lantschi: aus! ^^
    @ falk: lantzschi will nur spielen. nicht gleich an die decke gehen ;-)

    @ Thema: auch heute wurde ich wieder von schnatternden rentnern und schnaufenden bussen geweckt. jeden morgen ab sechs sitz ich jetzt auf meinem fenstersims und schreibe mir uhrzeiten und nummernschilder der busse auf. ein skandal! immer auf den kleinen mann!

  8. falk on Juni 7th, 2007 12:16 pm

    @ all: gut, ironie, sarkamus, zynismus den hab ich nicht raushören können. vielleicht könnt ihr anderen das besser verstehen, weil ihr zusammen wohnt oder zusammen gewohnt habt.

    hin oder her, ich zieh niemals aufs land und blümchen im spießer-stil wirds auch bei mir nicht geben.

    an die decke bin ich keinesfalls gegangen, ist nur meine persönliche meinung gewesen…will da auch keinen zu nahe treten, ich hab ja nur aus meiner sicht geschrieben, deswegen heißt es ja auch kommentar ;)

    peace! :)

  9. lantzschi on Juni 7th, 2007 12:27 pm

    @dietze: wir sind das volk!!!

    *lantzschi hüpft und spielt mit flummies*

  10. mekka on Juni 10th, 2007 2:03 pm

    Heuler…pack was in die Ohren –> hörst den bus ni mehr…
    nimm allen Mut zusammen, rede mit den Jungs am Markt –> hörst du evtl. die nicht mehr…

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