Ich steh unter Strom (wieder)

Was hab ich gestern nicht alles verpasst. Mein Google Reader zeigt mir weit über 300 ungelesene Items an, viel Arbeit die es da aufzuholen gilt. Aber wer ersetzt mir die gestolene Zeit? EnviaM? Aber alles ganz von vorn.

Nachdem ich gestern früh von ihm aus Leipzig losfuhr, hatte ich schon ein blödes Gefühl. Ich haderte mit mir und meiner Reinlichkeit. Grad mal eine Katzenwäsche hatte es für mich gegeben - und dass, nachdem ich am Montagabend fleißig Umzugskisten schleppte. Jedoch schämte ich mich nicht, schließlich war ich allein im Auto und (m)ein warmes Bad wartete bereits, mich zu reinigen. Warum aber nicht in Leipzig duschen? Ganz einfach, das Bad ist da immer arschkalt, ich hasse das. Aber egal, ich schweife ab.

Gegen 11 Uhr bin ich dann endlich in Mittweida angekommen, mich innerlich noch aufregend, dass sich mein ipod, der erst ein paar Tage alt ist, zum wiederholten male aufgehangen hat, befinde ich mich plötzlich mitten im Ausnahmezustand. Technisches Hilfswerk fährt gehetzt durch die Straßen, hier und da Polizei und allerlei komische orangefarbene “Bauwagen”, die sich erst im Nachhinein als Notstromaggregate entpuppen sollten. What the f*** is going on here? Gefühlsmäßig geschwängert mit Reportagen und Berichten anlässlich des 11. September bei MDR Info, war die ganze Szenerie schon irgendwie schräg.

Ich parke ein.

Gepackt mit meinen sieben Sachen stiefel ich unserem Haus entgegen und ahne schlimmes. Urbans Bäckerei hatte die Rolläden unten, aber ein Schild prangte verzweifelt darauf. “Wir haben geöffnet” Unweigerlich las ich jedes mal wenn ich da vorbei lief “Wir haben trotzdem geöffnet”. Sie konnte einem aber schon leid tun, die arme Bäckersfrau, wie sie dort bei ihren Brötchen und Broten inmitten von 10 Kerzen im Laden ausharrte. Langsam kam ein Verdacht auf, der sich leider alsgleich als absolut richtig herausstellen sollte. Kein Strom in Mittweida. Stromausfall!

“Super, warum auch nicht?” dachte ich mir und fing an, die Gesamtsituation richtig scheiße zu finden. Kein PC, ergo kein Internet. Kein Wasserkocher, ergo kein Heißgetränk. Kein Strom im Gasbeuler, ergo kein warmes Wasser und kein warmes Bad. Das Bad war sowieso dunkel da es über kein eigenes Fenster verfügt. Nach ein paar Minuten des sich geistigen fangens und sacken lassens, werd ich plötzlich von einem Martinshorn, direkt unter meinem Fenster in die Realität zurückgeholt.

“Liebe Bürgerinnen und Bürger, aufgrund eines Brandes im Umspannwerk ist eine Versorgung der Stadt Mittweida mit Strom zur Zeit nicht Möglich” - “Ach nein, wirklich? Erzähl kein Scheiß!” - “Wir konnten einige wichtige Einrichtungen bereits wieder ans Netz nehmen…. bla sülz” Soviel zur Megaphonansage aus einem Feuerwehr Jeep. Zurück in der Realität konnte ich mir dennoch die Kernaussage merken. Bis zum späten Nachmittag sollte das Netz wieder funktionieren. Das wusste ich zwar dank meines noch intakten Handys schon, dennoch beruhigend, es noch einmal von offizieller Seite zu erfahren.

Da ich nun einmal in der Mitte von Nirgendwo gelandet war und das auch noch ohne Strom, versuchte ich das Beste draus zu machen. Bald zieh ich um, also wird schon mal gepackt. Zwei Stunden später war alles an Ort und Stelle und mir langweilig. Ein neues Update verhieß gutes. Im Radio gibt es wieder Strom. Um meine Internetsucht wissend, war ich 10 Sekunden später an Ort und Stelle. Allerdings hatte mir da wohl jemand einen Bären aufgebunden denn es war finster wie im Arsch des Selbigen, dort im Radio. Nur ein einzelner Mensch versuchte krampfhaft die Telefone zu quälen.

Mittlerweile gab es ein Handyupdate, dass sich die Zuschaltung des Netzes vielleicht sogar bis in die Abendstunden strecken konnte. Sowas frisst einen auf und ich überlegte kurzerhand einfach nach Dresden zu fahren. Dorthin wo es Strom, Internet und ein warmes Bad gibt. Aber nix da, eigentlich habe ich ja hier noch viel zu tun. Also auf ins Gefecht, auf zum Markt. Am Markt war Marktag und da es bereits deutlich nach Mittag war, verspührte ich den Drang, mir eine exotische Mahlzeit von den fahrenden Händllern zu gönnen. Es war ein wirklich leckeres Brötchen mit Bismarckhering.

Gut gelaunt aufgrund der kulinarischen Köstlichkeit wanderte ich in mein Domizil um zu lesen. Die Buchstaben hatten ob des Stromausfalls auch schon ein bischen an Spannung verloren, aber ich hoffte einfach, dass sie noch ein bischen durchalten mögen. Nach der Hälfte des Buches wurde ich müde und schlief einfach ein. Gegen 15:30 Uhr wurde ich vom Handy geweckt. Dieses kleine Drecksding ging natürlich noch. Wenigstens. Dann las ich weiter. Das ganze Buch. Strom gabs immer noch keinen. Langsam dämmerte es.

Mir dämmerte es ebenfalls. Nämlich dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegen konnte, das ich bald ein wenig stromloses Licht benötigen würde. Zwei Dufktkerzen aus der Wohnung waren mir dann doch ein bischen wenig. Obwohl - bin ich paranoid? Besessen vom Gedanken Licht ins Dunkle zu bringen, watschelte ich zu Rossmann um mir ein paar Haushaltskerzen zu besorgen.

Die Verkäuferin: “Hammse noch kee Strom, hmm?”

Ich: “Nee” (meint eigentlich: “Bist Hellseher, oder?”)

Sie: “Naja, grad wor eehner hier, der hat gemeehnt, sgönndä nor de ganse Nachd dauorn.”

Ich: “Das wär ja furchtbar” (meint eigentlich: gib mir mein Wechselgeld!”)

Den Abend verbrachte ich dann erst im Auto, wo ich in den Nachrichten auf eine Meldung aus Mittweida wartete. Ich wurde nicht enttäuscht. Tatsächlich brachte MDR Info eine kurze Meldung. Um 18 Uhr war noch die Rede von 19 Uhr als Termin für die Wiederaufnahme der Stromversorgung. Ab 18:30 war jedoch nur noch die Rede von den “späten Abendstunden”. Was sind späte Abendstunden, begann ich mich zu fragen. Um elf? Warten wirs ab.

Nun war die Nacht entgültig hereingebrochen über Mittweida. Wer jetzt jedoch vermutet, dass alles schwarz war, der irrte gewaltig. Das Haus gegenüber hatte Strom. Ein Haus mit Büros. Demonstrativ war in allen dekorativ aussehenden Erkerfenstern das Licht angelassen worden. Als wenn man mir direkt die Zunge rausstrecken wöllte. Auch andere extrem wichtige Einrichtungen wurden schon wieder mit Strom versorgt. Kein Geschäft in der Rochlitzer Straße und am Markt, welches nicht seine Schaufensterauslage schön beleuchten lassen konnte. Jeder Dönerladen hatte schon wieder geöffnet und sämtliche Straßenbeleuchtung funktionierte. Und die Häuser? Nichts. Ich kann mir die Schaufenster von Reisebüros Tabakläden und Frisören ankucken und mir zu hause nicht mal n Tee kochen? Irgendwas stimmt da nicht. Es war mittlerweile schon gegen 21 Uhr. Kein einziger dieser kleinen beschissenen 18Uhr-Bürgersteighochklappläden hatte da noch offen, das nur mal am Rande.

Mit der Power von 5 Kerzen hinter mir, las ich dann noch ein neues Buch bis ca. 00 Uhr. Dann war dieser Tag zuende. Heute früh dann inmitten meiner süßen Träume, die furchtbare quälende Stimme von Cherno Jobatey.

Der Fernseher machte mir am deutlichsten und lautesten klar, dass ich wieder connected bin. Es war 7:30 Uhr.

-Nachtrag-

enviaM ist ein einziger riesengroßer Scherzkeks. Ich überlege meinen Schadensausfall geltend zu machen.

Wie kann es eigentlich sein dass in einer Stadt mitten in Deutschland über 24 Stunden der Strom ausfällt und die Informationspolitik dermaßen dünn ist. Ein kleines Trafohäuschen ist schuld daran, dass es über 14500 Haushalte in der Region kalt erwischt und diese dann nicht einmal ordentlich darüber informiert werden.

-Nachtrag2-

Hier und hier gibts auch noch ganz nette Stromanekdoten.

Kommentare

6 haben ne Meinung zu “Ich steh unter Strom (wieder)”

  1. denise on September 12th, 2007 9:48 am

    rechts: klickertrigger hasn’t played any tracks recently.

  2. Casus Belli » Ein letztes Mal: Stromausfall on September 12th, 2007 1:20 pm

    […] zynisch ist es daher, zum Mittweidaer Stromausfall zurückzukehren, dessen Ablauf hier von einem Betroffenen geschildert wird. Deshalb von mir nur kurz ein paar Daten und […]

  3. denise on September 12th, 2007 1:29 pm

    ein umspannwerk ist kein trafo-häuschen. das umspannwerk verwandelt hoch- in mittelspannung (in dem mittweidaer fall) und leitet den strom dann an verschiedene trafohäuschen weiter. diese wiederrum versorgen die haushalte. also es is schon ein unterschied, ob ein trafohaus oder ein umspannwer brennt. ich weiß das, ich hab gestern den ganzen tag nichts anderes gemacht, als darüber nachzudenken.

  4. Stefan on September 12th, 2007 1:39 pm

    umspannwerk, trafohäuschen… whatever. die fakten sagen einfach nur das ich keinen strom hatte, über einen ganzen tag lang und das in unserer ach so zivilisierten fortschrittlichen welt (die nicht mal den unterschied zwischen trafohäuschen und umspannwerk kennt ;) )

  5. suus on September 12th, 2007 3:18 pm

    Hübsche Geschichte :) Kannst einen schon bissl leid tun, aba siehs mal positiv: endlich ist in MW mal was passiert. Hehe.

  6. Falk on September 12th, 2007 7:11 pm

    that sucks. da merkt man mal wieder wie abhängig man vom scheiß strom ist und ich glaube mir wärs genauso gegangen wie dir. aber wie suus sagt, es ist wieder was passiert in mw und bald biste ja auch weg und dann kann dir dieses dreckskaff einfach mal nur egal sein.

    ich verspreche dir, dass wenn du in meiner neuen wohnung übernachten darfst du dir das bad warm heizen kannst, sofern heizung funktioniert und nicht wie so oft im sommer abgedreht ist. großes indianerehrenwort.

Schreib doch was