Medienforum Mittweida Fazit #10.000

Schluss aus vorbei. Das Medienforum ist Geschichte. Grund genug auch für mich mal ein kurzes Resümee zu ziehen.

Angefangen hat es für mich am Montagmorgen mit einem Vortrag von Eric Markuse und dem neuen Konzept seines Senders Sputnik. Durch meine Bachelorarbeit war ich bereits ausgezeichnet über Sputnik informiert, konnte mir also nicht all zu viele neue Sachen rausziehen. Allerdings stimmt mich doch eine Tatsache irgendwie, hm, sagen wir nachdenklich. In Zukunft wird wohl Radio im Allgemeinen nicht mehr drumrum kommen auch eine Art visualisiertes Radio anzubieten. Solange sich das Ganze auf programmbegleitende Elemente wie Wetter, Verkehr, Musikinfos etc. beschränkt, seh ich kein Grund zum Klagen. Sputnik fängt nun nächstes Jahr aber an richtige Bewegtbilder auszustrahlen. Sputnik TV quasi. Wenn man sich jetzt noch die anderen Debatten in der deutschen Medienlandschaft ansieht, könnte man zum Schluss kommen, das bald Alle Alles machen. Zeitung ist mit ihren Angeboten im Netz, bietet Audio und Video an. TV ist im Netz, bietet Videos und zeitungsähnliche Inhalte an. Radio ist im Netz, bietet Streams, Podcast und bald auch TVartige Formate an. Ich will jetzt grundsätzlich den schwarzen Peter nicht an spezielle Medien verteilen. Ich gebe nur zu bedenken das es auch mal diese All-In-One Drucker gab, oder noch gibt. Billig faxen, drucken, kopieren, scannen, Kaffee kochen usw. Die Geräte funktionieren zwar alle irgendwie, liefern aber nie gute oder sehr gute Ergebnisse.

Dann ging es für mich erst gestern weiter, nämlich mit dem Vortrag “Podcasting und so” von Timo Hetzel. Schon da war eine Tendenz abzusehen, die sich später noch bestätigen sollte. Hetzel stellte wiederholt Fragen ans Publikum, die aber meistens nicht mal verstanden wurden. Eine Wortmeldung brachte ein Vorurteil zu Tage, welches nur von einer Person kommen konnte, die das Wort Podcast gestern zum ersten mal gehört hatte. Umständlich war das Zauberwort. Um Podcast zu hören bedürfe es zu viel Arbeit und sei schlicht zu umständlich, so die komplette Begründung. Bitte? Ipod anschließen und schon gehts los. Synchronisiert sich das Gerät doch von ganz alleine. Nun ja, Viele waren halt doch nur gekommen, weil sie mussten. So ein Monaschein füllt sich ja nicht von selbst. Der Vortrag an sich war okay bis durchwachsen. Besonders viel rausziehen konnte ich mir für mich und meinen Podcast nicht. Erst auf Nachfrage bekam ich erklärt, dass mein Podcast ohne Musik demnächst auf der rechtlich gesehen sichereren Seite wäre. Das ist natürlich ärgerlich, aber ich will ja nichts riskieren. Ein neues Konzept muss also her. Mehr dazu bald hier im Blog.

Im Anschluss folgte der Vortrag von Dr. Jan Schmidt zu den Mythen der Blogosphäre. Ein sehr interessanter Vortrag, trotz der Tatsache dass auch hier einiges schon bekannt war. Besonders die Infos zum Long Tail und der anschließenden kurzen kontroversen Diskussion waren recht amüsant. Außerdem hat sich her Schmidt in Mittweida sehr wohl gefühlt und etwas entdeckt, was uns betriebsblinden Medienstudenten bis dato noch nicht recht auffallen wollte. Chapeaux Herr Schmidt!

Die Zeit verging schließlich und die letzte Veranstsaltung rückte näher. Das Panel “Luftblase oder Evolution, was ist dran an der New Economy 2.0″ begann. Reichlich gefrustet, direkt hinter einem gackernden Hühnerhaufen prämenstruären 07erinnen gelandet zu sein, versuchte ich dem Geschehen vor mir doch einigermaßen zu folgen. Ich würde nicht direkt sagen dass es langweilig war, denn das war es eigentlich nicht. Aber wer Don Alphonso kennt, weiß dass dieser Werbung im Netz verachtet und wer weiß dass der zweite Typ von links Werbung für einen Kaffeeröster im Internet verhökern will (oder auch nicht) weiß ohne viel Anstrengung, dass es an der ein oder anderen Stelle haken wird. Erstaunlicherweise wirkte Herr Meyer (Don Alphonso) sehr sympathisch und stellenweise auch recht zahm. Bei anderen Panels soll es da schon ganz anders zugegangen sein hab ich mir sagen lassen. Haken gab es allenfalls nur kurz, Herr Meyer machte eher einen missionarischen Eindruck indem er sich bei seinen Argumenten gegen den Tchibo Mann nicht direkt an ihn wandte, sondern mit dem Publikum sprach. So nach dem Motto, wer mag keine Werbung? HIER HIER, WIR ALLE HASSEN WERBUNG… YIPPIEH. Wer ist also der Meinung dass wir nie wieder Tchibo kaufen werden? HIEEER, JAAA, NIEDER MIT DEM KAFFEEHANS. WIR SCHEISSEN AUCH DRAUF DASS OHNE WERBUNG ABERTAUSENDE ARBEITSPLÄTZE FLÖTEN GEHEN… Idealsimus gut und schön, aber ich mag es halt nicht wenn es so missionarisch rüberkommt. Zum Glück ist Rainer Meyer nicht dieser Zeuge Jehovas begegnet, der gestern vor der Mensa stand und Wachturmbibeln verschenken wollte. Ein lebendes Pop Up quasi was man nicht wegklicken kann. Ich glaub da hätte es richtig auf die Fresse gegeben (um mal im gestrigen Meyerschen Jargon zu bleiben).

Fader Beigeschmack auch hier wieder. Mindestens die Hälfte der Anwesenden hat nur auf den Augenblick gewartet als es endlich vorbei war und sich die Stempel für den berüchtigten Monaschein abgeholt werden konnte. Es ist einfach ein Gefühl von Fremdschämen wenn man mitbekommt, dass sich einge Studenten die Mäntel unter den Arm klemmen und rauswetzen wenn nur einmal das Wort “Ende” erwähnt wird. Es ist genauso auch peinlich für das Bild der Studierenden wenn der Abschiedsapplaus quasi dazu dient, den vorn noch Redenden das Wort endlich abzuwürgen.

An dieser Stelle ein Riesenlob für die Verantwortlichen und Beteiligten des Medienforums. Ich fands sehr gelungen. Wie es einige Referenten und Besucher fanden oder noch finden werden, kann man hier, hier, hier und hier lesen.

Kommentare

8 haben ne Meinung zu “Medienforum Mittweida Fazit #10.000”

  1. lantzschi on November 7th, 2007 4:07 pm

    mich würde an dieser stelle einmal interessieren, was denn zum long tail alles so von sich gegeben wurde…denn immerhin schreibst du ja, dass das von sich gegebene zu einer anschließenden diskussion führte.

    da ich “long tail” vom long-tail-erfinder anderson durchgeackert habe, würde ich da gern mal mehr hören

    danke.

  2. Stefan on November 7th, 2007 4:18 pm

    ich verweise da einfach mal auf denise. wenn dann noch fragen offen sind, gerne!

  3. Jan Schmidt on November 7th, 2007 4:21 pm

    @lantzschi: Die Folien meiner Präsentation sind bei mir im Blog abrufbar - ich nutze den Begriff des “long tail” nicht ganz im Sinne von Anderson (dem es ja vor allem um die Veränderung von Märkten geht), sondern um die Aufmerksamkeitshierarchien zu beschreiben, die in der Blogosphäre herrschen: Nur eine kleine Gruppe von Angeboten erreicht vergleichsweise viele Leser, die meisten Weblogs haben ein sehr kleines Publikum.

  4. lantzschi on November 7th, 2007 4:48 pm

    @jan:
    ach so. dann verstehe ich natürlich den hintergrund und schließe mich deiner erkenntnis an. leider ist dieses phänomen ein paradoxon zu seinem begriff, findest du nicht?

    immerhin soll der long tail ein umdenken sein. wenn wir andersons wirtschaftsblabla außen vor lassen und nur auf seine sichtweisen zu den nutzergruppen/gesellschaft eingehen, dann müsste ja mittlerweile ein umdenken stattgefunden haben. also nicht, dass sich nur die wirtschaft vom mainstream-hit-gedanken entfernt, sondern auch der konsument.
    nun ist das bis jetzt nur idealisierter gedanke geblieben, meiner meinung nach. viele gute blogs verschwinden/bleiben in der versenkung, nur die, die von anfang an dabei waren, bekommen genügend aufmerksamkeit. die etablierten sind wie immer ganz vorn. same shit, different platform.

    wenn man es ganz genau nimmt, dann ist gerade das der longtail, richtig. nur sehe ich in der bloglandschaft den eigentlich wichtigen “schwanz” sehr sehr kurz. und andersons tolle gedanken haben noch nicht die gesamte bevölkerung erfasst. ist deutschland da in seinem medienkonsum-denken nicht viel zu rückschrittlich?

  5. denise on November 7th, 2007 6:20 pm

    verdammt, wir sitzen im elfenbeinturm und kommen da so schnell auch nicht mehr runter!

    lantzschi, ich gebe dir in einer hinsicht komplett recht: diese ganze long tail-geschichte und mit ihr die thematische zersplitterung der gesellschaft, ist absolut idealistisch. mainstream themen sind tonangebend, ob in der blogosphäre oder in den etablierten medien.

    allerdings: ist das in anderen gesellschaften anders, bezogen auf deine frage, ob deutschland da zu rückschrittlich ist? das weiß ich zugegeben nicht, glaube es aber auch nicht.

    aus einem entscheidenden grund: die leute sind faul. sie sind es gewöhnt, dass irgendjemand den ton angibt, irgendjemand sagt, was thema ist. sie sind gar nicht daran interessiert, sich selbst ihre nischen zu suchen. vielleicht bezogen auf den sportverein oder auf die bevorzugte biersorte. aber nicht medial. die breite masse hat gar keine lust, sich ihre themen selber zu wählen, oder mit rss ihren eigenen gatekeeper zu spielen. so wichtig sind medien den leuten gar nicht, sie sind halt eben einfach nur da.

    das hat meiner meinung nach zwei konsequenzen: erstens wird sich das bild der medien genau deswegen in den kommenden jahren nicht entscheidend ändern. was hätten die denn für einen grund, ihre mainstreamigkeit abzulegen, wenn diese niemand hinterfragt? natürlich, das ist auch ein bisschen ursache der medialen faulheit der leute. wenn sich kein etabliertes medium traut, etwas anders zu machen, nimmt niemand wahr, dass es da noch etwas anderes, “long tailiges” gibt.

    zweitens: wir in unserem elfenbeinturm haben ein problem. weil die masse gar keinen bock hat auf rss und abseits mainstream-themen, wir uns aber mit nichts anderem mehr als dieser mediamorphose beschäftigen, verlieren wir den kontakt zu denen, die das, was wir produzieren, lesen.

    für mich wird das problem komplizierter, weil ich mich selbst sehr hinterfrage. ich beispielsweise und mit mir eine handvoll weiterer leute, gar welche, die nicht was mit medien machen, nutzen rss und co. und wollen keine mainstream-themen mehr lesen. unterschätze ich die medienkompetenz der masse? denn wenn es so ist, können wir uns zurücklehnen, weiter medienwissenschaftlich diskutieren und auf die den durchbruch unserer herbeidiskutierten medienrevolution warten. :)

  6. Casus Belli » Medienforum V: Panel zur “New Economy 2.0″ on November 7th, 2007 6:25 pm

    […] den Gutmenschen gab. Vielleicht als Abgrenzung vom grimmig-bösen Don Alphonso, vielleicht aus missionarischem Eifer. Das ist auch völlig egal, denn ich schweife […]

  7. Jan Schmidt on November 8th, 2007 1:22 am

    Ui, da sind ja jede Menge Themen aufgelaufen. Mal sehen, ich nenn einfach mal ein paar Eindrücke von mir:

    - denise hat grundsätzlich recht: blogs, rss, und all die anderen dinge, sind im moment und auf absehbare zeit noch nischenphänomen. 60% der deutschen sind im netz, und von denen nutzen weniger als 10% regelmäßig blogs (laut ard/zdf-onlinestudie 2007), lass es großzügig auch ein viertel aller onliner sein, die irgendwas mit diesem neuen netz zu tun haben - das ist keine mehrheit aller deutschen. Nun ist das eine momentaufnahme, wir reden ja von eher jungen und eher gut gebildeten leuten, die mittelfristig vorreiter von nutzungsweisen sind - aber trotzdem wird unter den netz-nutzern auch in zukunft ein ganz großer teil damit zufrieden sein, einige wenige angebote passiv abzurufen (und emails zu verschicken), mehr ist dann nicht nötig.

    zu dem long-tail gedanken:
    lantzschi, Du schreibst: “immerhin soll der long tail ein umdenken sein. wenn wir andersons wirtschaftsblabla außen vor lassen und nur auf seine sichtweisen zu den nutzergruppen/gesellschaft eingehen, dann müsste ja mittlerweile ein umdenken stattgefunden haben. also nicht, dass sich nur die wirtschaft vom mainstream-hit-gedanken entfernt, sondern auch der konsument. nun ist das bis jetzt nur idealisierter gedanke geblieben, meiner meinung nach. viele gute blogs verschwinden/bleiben in der versenkung, nur die, die von anfang an dabei waren, bekommen genügend aufmerksamkeit. die etablierten sind wie immer ganz vorn. same shit, different platform.”

    hmm, aber der long-tail-gedanke heisst ja nicht, dass auf einmal die nischen- zu den massenphänomen werden sollten, oder? im Gegenteil, der clou des netzes ist doch, dass interessen, vorlieben, kaufpräferenzen etc., die nur 10 oder 50 leute haben, bedient werden können (und nicht nur das, was 50.000 leute haben wollen). Und das haben wir bei den blogs prototypisch: Im long tail der blogosphäre haben wir unzählige blogs, die nur für wenige leute interessant sind (nämlich die, die den blogger persönlich kennen) - und die nutzen dann genau diese angebote.
    also anders gesagt: der long-tail-gedanke impliziert notwendigerweise, dass blogs in der vesenkung (des long tails) bleiben, und das ist auch gut so. :)

  8. Medienelite » Archiv » Der unmedienforume Medienforum-Post. on November 8th, 2007 11:56 am

    […] Bezeichnend, dass außer mir, ihr und den Hauptakteuren niemand diskutiert. Was wiederum Stefans Meinung der MW-Studenten […]

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